Operation Redhead
Operation Redhead: Wie aus dem Wirecard-Skandal ein Spionage-Thriller wurde
Was passiert, wenn ein milliardenschwerer Finanzskandal, ein mutmaßlicher russischer Geheimdienstagent, Giftanschläge in Europa und die Jagd auf einen Whistleblower aufeinandertreffen? Für einen Thriller klingt das nach einer Geschichte aus der Feder eines Drehbuchautors. Doch die Wirklichkeit lieferte den Stoff. Mit „Operation Redhead“ wollte ich die Geschichte meines CIA-Agenten Corrigan weitererzählen und ihn in eine Welt schicken, in der Geldströme zu Waffen werden, Geheimdienste ihre Spuren verwischen und niemand sicher sein kann, wer tatsächlich die Fäden zieht.
Eine Geschichte, die nach einer Fortsetzung verlangte
Mit „Ära des Verrats“ hatte ich mich bereits mit Edward Snowden, dem internationalen Geheimdienstgeschäft und der wachsenden Konfrontation zwischen Russland und dem Westen beschäftigt. Im Mittelpunkt stand der CIA-Agent Corrigan, der in einer Welt operiert, in der politische Interessen, persönliche Loyalitäten und geheime Operationen immer wieder miteinander kollidieren.
Ich wollte wissen, wie es mit Corrigan und seinem Team weitergeht. Welche neuen Gegner würden ihnen begegnen? Welche Konsequenzen hätte es, wenn sich der Konflikt zwischen Russland und dem Westen weiter verschärfte? Und welche Rolle würden wirtschaftliche Interessen in dieser Auseinandersetzung spielen?
Die Idee zu „Operation Redhead“ entstand aus dem Wunsch, diese Geschichte fortzusetzen. Ich wollte einen Thriller schreiben, der an die Atmosphäre seines Vorgängers anknüpft, zugleich aber eine neue Dimension eröffnet: die Verbindung zwischen internationaler Finanzkriminalität, digitaler Technologie und geheimdienstlicher Einflussnahme.
Dann kam mir ein realer Fall in die Quere, der all diese Elemente auf erschreckende Weise miteinander verband.
Wirecard: Der Finanzskandal, der Fragen aufwarf
Der Zusammenbruch von Wirecard im Juni 2020 war einer der größten Finanzskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein Unternehmen, das als Vorzeigeprojekt der deutschen Finanztechnologie galt, musste Insolvenz anmelden. 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten lagen, existierten nach Angaben des Unternehmens nicht.
Doch mich interessierte an diesem Fall weit mehr als die Bilanzmanipulation. Denn je mehr über Wirecard bekannt wurde, desto deutlicher trat eine weitere Figur in den Vordergrund: Jan Marsalek, der ehemalige Vorstand des Konzerns, der kurz nach seinem Ausscheiden untertauchte und international gesucht wurde.
Marsalek war kein gewöhnlicher Manager. Seine Kontakte reichten weit über die Finanzbranche hinaus. Recherchen internationaler Journalisten brachten ihn mit russischen Geheimdienstkreisen in Verbindung. Berichte über seine mutmaßlichen Kontakte zum russischen Militärgeheimdienst GRU machten den Fall für mich besonders interessant. Plötzlich ging es nicht mehr allein um verschwundene Milliarden, sondern auch um die Frage, welche Rolle ein international vernetzter Finanzmanager in einem geheimdienstlichen Machtgefüge spielen könnte.
Die Verbindungen zwischen Marsalek und russischen Akteuren waren für mich ein faszinierender Ausgangspunkt. Dabei war mir klar, dass zwischen nachgewiesenem Finanzbetrug, journalistischen Erkenntnissen und offenen Fragen zu geheimdienstlichen Verbindungen unterschieden werden muss. Gerade diese Mischung aus gesicherten Fakten und ungeklärten Zusammenhängen bot Stoff für einen Spionage-Thriller.
Ich begann, mir eine Frage zu stellen: Was wäre, wenn ein Unternehmen, das mit digitalem Zahlungsverkehr Milliarden bewegt, zugleich für geheimdienstliche Zwecke genutzt werden könnte? Was wäre, wenn sich hinter einer scheinbar gewöhnlichen Finanztechnologiefirma ein Netzwerk verbirgt, das Geld, Daten und Informationen über Ländergrenzen hinweg transportiert?
Aus diesen Überlegungen entstand die fiktive Cyber Cash Corporation. Und aus dem realen Fall Marsalek entwickelte ich meine eigene Figur: Stefan Hauptmann.
Stefan Hauptmann und die Cyber Cash Corporation
In einem Roman muss ich mich nicht an die Grenzen der Realität halten. Ich kann reale Ereignisse miteinander verbinden, Figuren erfinden und Zusammenhänge entwickeln, die eine Geschichte dramatisch zuspitzen. Genau das reizte mich an „Operation Redhead“.
Stefan Hauptmann wurde zu einer Figur, an der sich die Interessen von Wirtschaft, Politik und Geheimdiensten bündeln. Die Cyber Cash Corporation bot mir den passenden Rahmen, um die undurchsichtigen Strukturen eines internationalen Finanzunternehmens mit den Methoden der Spionage zu verbinden.
Mich beschäftigte dabei die Macht des Geldes. Finanzströme können Unternehmen aufbauen, politische Einflussnahme ermöglichen und Organisationen finanzieren, deren Namen in keiner offiziellen Bilanz auftauchen. Wer solche Ströme kontrolliert, verfügt über ein Instrument, das weit über wirtschaftlichen Erfolg hinausgeht.
Für einen Geheimdienst kann Geld ebenso wertvoll sein wie eine gestohlene Akte. Es ermöglicht verdeckte Operationen, verschleiert die Herkunft von Zahlungen und schafft Verbindungen zwischen Menschen, die sich offiziell niemals begegnen dürften.
Mit der Cyber Cash Corporation wollte ich diese Grauzone erzählerisch nutzen. Die Firma ist fiktiv. Die Fragen, die sie aufwirft, sind es nicht.
Nowitschok, Salisbury und ein vergifteter Waffenhändler
Während ich die Handlung entwickelte, suchte ich nach weiteren realen Ereignissen, die in denselben politischen Zeitraum passten. Ich wollte keinen Thriller, dessen Konflikte ausschließlich aus meiner Fantasie entstanden. Die Geschichte sollte in einer Welt spielen, die Leser aus den Nachrichten wiedererkennen, auch wenn die Figuren und ihre konkreten Verwicklungen erfunden sind.
Dabei stieß ich erneut auf den russischen Militärgeheimdienst GRU und auf zwei Fälle, die mich besonders beschäftigten: den Giftanschlag auf Sergej Skripal und seine Tochter in Salisbury sowie die Vergiftung des bulgarischen Waffenhändlers Emilian Gebrev.
Salisbury: Ein Giftanschlag auf britischem Boden
Im März 2018 wurden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija in der englischen Stadt Salisbury mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet. Beide überlebten. Auch mehrere weitere Menschen kamen mit dem Gift in Kontakt; die britische Bürgerin Dawn Sturgess starb im Juli 2018, nachdem sie mit einem kontaminierten Parfümflakon in Berührung gekommen war.
Die britische Regierung machte Russland für den Anschlag verantwortlich. Ermittlungen und journalistische Recherchen brachten mehrere mutmaßliche Täter mit dem GRU in Verbindung. Moskau wies die Vorwürfe zurück.
Mich faszinierte an diesem Fall die Dreistigkeit der Operation. Ein Giftanschlag mitten in Europa, ausgeführt mit einem Nervenkampfstoff, der mit dem sowjetischen Chemiewaffenprogramm in Verbindung gebracht wird. Ein Angriff, der nicht nur seine unmittelbaren Opfer traf, sondern auch eine politische Botschaft aussandte.
Für einen Spionage-Thriller ist das ein beklemmendes Szenario. Geheimdienste arbeiten im Verborgenen, doch ihre Operationen können sichtbare Spuren hinterlassen: in Krankenhäusern, auf Überwachungskameras und in den diplomatischen Beziehungen zwischen Staaten.
Emilian Gebrev: Ein weiterer Fall mit offenen Fragen
Noch weiter zurück führte mich die Recherche nach Bulgarien. Im April 2015 brach der Waffenhändler Emilian Gebrev nach einem Abendessen in Sofia schwer erkrankt zusammen. Auch sein Sohn und ein Mitarbeiter wurden krank. Der Verdacht einer Vergiftung stand im Raum.
Spätere Ermittlungen und journalistische Recherchen untersuchten mögliche Verbindungen zu russischen Geheimdienstmitarbeitern und zum GRU. Dabei wurden auch Reisen eines mutmaßlichen GRU-Agenten nach Bulgarien mit dem Fall in Verbindung gebracht. Die verwendete Substanz ließ sich zunächst nicht eindeutig bestimmen.
Die Parallelen zu Salisbury waren auffällig. Wieder ging es um mögliche Giftanschläge, wieder tauchten Spuren auf, die zu russischen Akteuren führen könnten, und wieder blieben Fragen offen.
Diese Fälle lieferten mir den historischen Hintergrund für eine Geschichte, in der Geheimdienste nicht nur Informationen sammeln, sondern auch bereit sein könnten, Menschen zum Schweigen zu bringen. Die konkreten Verbrechen und ihre Hintergründe sind Teil der realen Geschichte. Ihre Verbindung mit meinen Romanfiguren ist Fiktion.
Julian Assange: Wenn Whistleblower zur Bedrohung werden
Ein Motiv aus „Ära des Verrats“ wollte ich unbedingt weiterverfolgen: die Rolle von Whistleblowern, die geheime Informationen veröffentlichen und damit mächtige Institutionen unter Druck setzen.
Edward Snowden hatte im ersten Roman eine zentrale Bedeutung. Julian Assange und WikiLeaks gehörten ebenfalls zu diesem erzählerischen Zusammenhang. Die Plattform veröffentlichte geheime Dokumente und machte damit Informationen öffentlich, die Regierungen lieber unter Verschluss gehalten hätten.
Assange hielt sich ab 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London auf, um einer Auslieferung nach Schweden zu entgehen. Dort blieb er fast sieben Jahre. Im April 2019 wurde er von der britischen Polizei festgenommen, nachdem Ecuador ihm den diplomatischen Schutz entzogen hatte.
Auch die US-Geheimdienste beschäftigten sich mit Assange. Medienberichte beschrieben mutmaßliche Pläne der CIA, ihn aus der Botschaft zu entführen oder sogar zu töten. Die Berichte machten deutlich, wie weit die Auseinandersetzung um WikiLeaks hinter den Kulissen möglicherweise eskaliert war.
Für mich war Assange deshalb eine passende Verbindung zu „Ära des Verrats“. Er stand für die Frage, was geschieht, wenn jemand geheime Informationen veröffentlicht und dadurch die Interessen eines Staates gefährdet. Wird ein solcher Mensch als Aufklärer betrachtet oder als Gegner, der ausgeschaltet werden muss?
In „Operation Redhead“ wollte ich dieses Spannungsfeld weiterentwickeln. Whistleblower sind für mich keine bloßen Nebenfiguren. Sie können Machtstrukturen erschüttern, ganze Karrieren zerstören und Vorgänge offenlegen, die andere mit allen Mitteln geheim halten wollen.
Yunos Wong: Eine erfundene Figur mit einem realen Vorbild
Bei meiner Recherche zu Wirecard stieß ich auf einen Mann, dessen Geschichte mich besonders beeindruckte: Pav Gill. Der Jurist hatte als Leiter der Rechtsabteilung für die Asien-Pazifik-Region von Wirecard gearbeitet und war dabei auf Unregelmäßigkeiten gestoßen.
Gill meldete seine Bedenken innerhalb des Unternehmens. Als er den Eindruck gewann, dass seine Hinweise nicht angemessen verfolgt wurden, wandte er sich an Journalisten. Seine Informationen trugen wesentlich dazu bei, dass die mutmaßlichen Betrugsvorgänge öffentlich wurden. Die Recherchen der Financial Times und weiterer Medien spielten bei der Aufdeckung des Skandals eine zentrale Rolle.
Was mich an seiner Geschichte bewegte, war der persönliche Preis, den ein solcher Schritt haben kann. Wer sich gegen ein mächtiges Unternehmen stellt, riskiert seine berufliche Zukunft und muss mit erheblichem Druck rechnen. Ein Whistleblower weiß häufig nicht, welche Konsequenzen seine Entscheidung nach sich ziehen wird.
Aus dieser Inspiration entwickelte ich Yunos Wong. Die Figur ist erfunden, greift aber das Grundmotiv eines Menschen auf, der in einem Unternehmen auf Unregelmäßigkeiten stößt und sich entscheidet, die Wahrheit nicht länger für sich zu behalten.
Yunos Wong steht für den Mut, sich gegen ein System zu stellen, das seine eigenen Interessen über die Aufklärung möglicher Missstände stellt. Er weiß, dass Informationen gefährlich werden können. Trotzdem entscheidet er sich dafür, sie weiterzugeben.
Genau darin liegt für mich die besondere Spannung solcher Figuren: Sie besitzen keine Armee, keine diplomatische Immunität und keinen Geheimdienstapparat. Sie haben Informationen. Und manchmal reicht genau das, um mächtige Gegner nervös zu machen.
Wenn Realität und Fiktion aufeinanderprallen
Bei „Operation Redhead“ wollte ich keine bloße Nacherzählung des Wirecard-Skandals schreiben. Mich interessierte vielmehr, was geschehen könnte, wenn man die bekannten Ereignisse mit einer fiktiven Geheimdienstoperation verbindet.
Die realen Fälle lieferten den Hintergrund: der Zusammenbruch eines Finanzkonzerns, die ungeklärten Fragen um Jan Marsalek, die Giftanschläge mit möglichen GRU-Verbindungen und der Konflikt um Julian Assange. Daraus entwickelte ich eine Handlung, in der Corrigan und sein Team mit einem Netzwerk konfrontiert werden, dessen wirtschaftliche und politische Verbindungen weit über das hinausreichen, was zunächst sichtbar ist.
Die Cyber Cash Corporation, Stefan Hauptmann und Yunos Wong gehören zur fiktionalen Welt meines Romans. Sie sind keine Behauptung, dass die realen Personen oder Unternehmen tatsächlich an einer solchen Operation beteiligt gewesen seien. Ich verbinde reale historische Ereignisse mit erfundenen Figuren, um die Mechanismen hinter Macht, Geld und Geheimhaltung literarisch zu untersuchen.
Denn gerade darin liegt für mich der Reiz des Genres: Die Wirklichkeit liefert die Ausgangspunkte, der Roman führt sie in eine mögliche, aber erfundene Richtung weiter.
Corrigan kehrt zurück
Mit „Operation Redhead“ wollte ich auch die Entwicklung meines CIA-Agenten Corrigan vorantreiben. Er bewegt sich in einer Welt, in der Loyalität nicht selbstverständlich ist und in der selbst scheinbar eindeutige Fakten neue Fragen aufwerfen können.
Seine Gegner sind nicht einfach nur Kriminelle oder feindliche Agenten. Sie bewegen sich in Strukturen, in denen wirtschaftliche Interessen, politische Macht und geheimdienstliche Ziele miteinander verschmelzen. Wer eine Spur verfolgt, stößt auf weitere Spuren. Wer glaubt, einen Gegner erkannt zu haben, muss damit rechnen, dass jemand anderes die Fäden zieht.
Diese Unsicherheit wollte ich zum Kern des Romans machen. Corrigan muss Entscheidungen treffen, obwohl ihm entscheidende Informationen fehlen. Und er kann sich nicht darauf verlassen, dass seine Auftraggeber ihm die ganze Wahrheit sagen.
Für mich ist ein guter Spionage-Thriller dann besonders spannend, wenn die Gefahr nicht allein von bewaffneten Gegnern ausgeht, sondern auch von Informationen, die zur falschen Zeit in die falschen Hände geraten. Eine Überweisung kann eine Operation finanzieren. Eine Datei kann eine Regierung erschüttern. Und ein Whistleblower kann gefährlicher werden als ein bewaffneter Gegner.