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Hörproben von "Ära des Verrats"

Gelesen von Robert Frank.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Prolog zu „Ära des Verrats“

Den Prolog zu „Ära des Verrats“ findest du exklusiv hier. Er gibt dir einen ersten Einblick in die Hintergrundgeschichte von Eric Hume.

Auftritte von S. D. Foik

Auftritt bei der Verabschiedung des 10. Jahrgangs Juli 2024
The Pokes - Live - Weihnachtskonzert 2019

Hintergründe zur Entstehung der Bücher

Operation Redhead

Operation Redhead: Wie aus dem Wirecard-Skandal ein Spionage-Thriller wurde

Was passiert, wenn ein milliardenschwerer Finanzskandal, ein mutmaßlicher russischer Geheimdienstagent, Giftanschläge in Europa und die Jagd auf einen Whistleblower aufeinandertreffen? Für einen Thriller klingt das nach einer Geschichte aus der Feder eines Drehbuchautors. Doch die Wirklichkeit lieferte den Stoff. Mit „Operation Redhead“ wollte ich die Geschichte meines CIA-Agenten Corrigan weitererzählen und ihn in eine Welt schicken, in der Geldströme zu Waffen werden, Geheimdienste ihre Spuren verwischen und niemand sicher sein kann, wer tatsächlich die Fäden zieht.

Eine Geschichte, die nach einer Fortsetzung verlangte

Mit „Ära des Verrats“ hatte ich mich bereits mit Edward Snowden, dem internationalen Geheimdienstgeschäft und der wachsenden Konfrontation zwischen Russland und dem Westen beschäftigt. Im Mittelpunkt stand der CIA-Agent Corrigan, der in einer Welt operiert, in der politische Interessen, persönliche Loyalitäten und geheime Operationen immer wieder miteinander kollidieren.

Ich wollte wissen, wie es mit Corrigan und seinem Team weitergeht. Welche neuen Gegner würden ihnen begegnen? Welche Konsequenzen hätte es, wenn sich der Konflikt zwischen Russland und dem Westen weiter verschärfte? Und welche Rolle würden wirtschaftliche Interessen in dieser Auseinandersetzung spielen?

Die Idee zu „Operation Redhead“ entstand aus dem Wunsch, diese Geschichte fortzusetzen. Ich wollte einen Thriller schreiben, der an die Atmosphäre seines Vorgängers anknüpft, zugleich aber eine neue Dimension eröffnet: die Verbindung zwischen internationaler Finanzkriminalität, digitaler Technologie und geheimdienstlicher Einflussnahme.

Dann kam mir ein realer Fall in die Quere, der all diese Elemente auf erschreckende Weise miteinander verband.

Wirecard: Der Finanzskandal, der Fragen aufwarf

Der Zusammenbruch von Wirecard im Juni 2020 war einer der größten Finanzskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein Unternehmen, das als Vorzeigeprojekt der deutschen Finanztechnologie galt, musste Insolvenz anmelden. 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten lagen, existierten nach Angaben des Unternehmens nicht.

Doch mich interessierte an diesem Fall weit mehr als die Bilanzmanipulation. Denn je mehr über Wirecard bekannt wurde, desto deutlicher trat eine weitere Figur in den Vordergrund: Jan Marsalek, der ehemalige Vorstand des Konzerns, der kurz nach seinem Ausscheiden untertauchte und international gesucht wurde.

Marsalek war kein gewöhnlicher Manager. Seine Kontakte reichten weit über die Finanzbranche hinaus. Recherchen internationaler Journalisten brachten ihn mit russischen Geheimdienstkreisen in Verbindung. Berichte über seine mutmaßlichen Kontakte zum russischen Militärgeheimdienst GRU machten den Fall für mich besonders interessant. Plötzlich ging es nicht mehr allein um verschwundene Milliarden, sondern auch um die Frage, welche Rolle ein international vernetzter Finanzmanager in einem geheimdienstlichen Machtgefüge spielen könnte.

Die Verbindungen zwischen Marsalek und russischen Akteuren waren für mich ein faszinierender Ausgangspunkt. Dabei war mir klar, dass zwischen nachgewiesenem Finanzbetrug, journalistischen Erkenntnissen und offenen Fragen zu geheimdienstlichen Verbindungen unterschieden werden muss. Gerade diese Mischung aus gesicherten Fakten und ungeklärten Zusammenhängen bot Stoff für einen Spionage-Thriller.

Ich begann, mir eine Frage zu stellen: Was wäre, wenn ein Unternehmen, das mit digitalem Zahlungsverkehr Milliarden bewegt, zugleich für geheimdienstliche Zwecke genutzt werden könnte? Was wäre, wenn sich hinter einer scheinbar gewöhnlichen Finanztechnologiefirma ein Netzwerk verbirgt, das Geld, Daten und Informationen über Ländergrenzen hinweg transportiert?

Aus diesen Überlegungen entstand die fiktive Cyber Cash Corporation. Und aus dem realen Fall Marsalek entwickelte ich meine eigene Figur: Stefan Hauptmann.

Stefan Hauptmann und die Cyber Cash Corporation

In einem Roman muss ich mich nicht an die Grenzen der Realität halten. Ich kann reale Ereignisse miteinander verbinden, Figuren erfinden und Zusammenhänge entwickeln, die eine Geschichte dramatisch zuspitzen. Genau das reizte mich an „Operation Redhead“.

Stefan Hauptmann wurde zu einer Figur, an der sich die Interessen von Wirtschaft, Politik und Geheimdiensten bündeln. Die Cyber Cash Corporation bot mir den passenden Rahmen, um die undurchsichtigen Strukturen eines internationalen Finanzunternehmens mit den Methoden der Spionage zu verbinden.

Mich beschäftigte dabei die Macht des Geldes. Finanzströme können Unternehmen aufbauen, politische Einflussnahme ermöglichen und Organisationen finanzieren, deren Namen in keiner offiziellen Bilanz auftauchen. Wer solche Ströme kontrolliert, verfügt über ein Instrument, das weit über wirtschaftlichen Erfolg hinausgeht.

Für einen Geheimdienst kann Geld ebenso wertvoll sein wie eine gestohlene Akte. Es ermöglicht verdeckte Operationen, verschleiert die Herkunft von Zahlungen und schafft Verbindungen zwischen Menschen, die sich offiziell niemals begegnen dürften.

Mit der Cyber Cash Corporation wollte ich diese Grauzone erzählerisch nutzen. Die Firma ist fiktiv. Die Fragen, die sie aufwirft, sind es nicht.

Nowitschok, Salisbury und ein vergifteter Waffenhändler

Während ich die Handlung entwickelte, suchte ich nach weiteren realen Ereignissen, die in denselben politischen Zeitraum passten. Ich wollte keinen Thriller, dessen Konflikte ausschließlich aus meiner Fantasie entstanden. Die Geschichte sollte in einer Welt spielen, die Leser aus den Nachrichten wiedererkennen, auch wenn die Figuren und ihre konkreten Verwicklungen erfunden sind.

Dabei stieß ich erneut auf den russischen Militärgeheimdienst GRU und auf zwei Fälle, die mich besonders beschäftigten: den Giftanschlag auf Sergej Skripal und seine Tochter in Salisbury sowie die Vergiftung des bulgarischen Waffenhändlers Emilian Gebrev.



Salisbury: Ein Giftanschlag auf britischem Boden

Im März 2018 wurden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija in der englischen Stadt Salisbury mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet. Beide überlebten. Auch mehrere weitere Menschen kamen mit dem Gift in Kontakt; die britische Bürgerin Dawn Sturgess starb im Juli 2018, nachdem sie mit einem kontaminierten Parfümflakon in Berührung gekommen war.

Die britische Regierung machte Russland für den Anschlag verantwortlich. Ermittlungen und journalistische Recherchen brachten mehrere mutmaßliche Täter mit dem GRU in Verbindung. Moskau wies die Vorwürfe zurück.

Mich faszinierte an diesem Fall die Dreistigkeit der Operation. Ein Giftanschlag mitten in Europa, ausgeführt mit einem Nervenkampfstoff, der mit dem sowjetischen Chemiewaffenprogramm in Verbindung gebracht wird. Ein Angriff, der nicht nur seine unmittelbaren Opfer traf, sondern auch eine politische Botschaft aussandte.

Für einen Spionage-Thriller ist das ein beklemmendes Szenario. Geheimdienste arbeiten im Verborgenen, doch ihre Operationen können sichtbare Spuren hinterlassen: in Krankenhäusern, auf Überwachungskameras und in den diplomatischen Beziehungen zwischen Staaten.



Emilian Gebrev: Ein weiterer Fall mit offenen Fragen

Noch weiter zurück führte mich die Recherche nach Bulgarien. Im April 2015 brach der Waffenhändler Emilian Gebrev nach einem Abendessen in Sofia schwer erkrankt zusammen. Auch sein Sohn und ein Mitarbeiter wurden krank. Der Verdacht einer Vergiftung stand im Raum.

Spätere Ermittlungen und journalistische Recherchen untersuchten mögliche Verbindungen zu russischen Geheimdienstmitarbeitern und zum GRU. Dabei wurden auch Reisen eines mutmaßlichen GRU-Agenten nach Bulgarien mit dem Fall in Verbindung gebracht. Die verwendete Substanz ließ sich zunächst nicht eindeutig bestimmen.

Die Parallelen zu Salisbury waren auffällig. Wieder ging es um mögliche Giftanschläge, wieder tauchten Spuren auf, die zu russischen Akteuren führen könnten, und wieder blieben Fragen offen.

Diese Fälle lieferten mir den historischen Hintergrund für eine Geschichte, in der Geheimdienste nicht nur Informationen sammeln, sondern auch bereit sein könnten, Menschen zum Schweigen zu bringen. Die konkreten Verbrechen und ihre Hintergründe sind Teil der realen Geschichte. Ihre Verbindung mit meinen Romanfiguren ist Fiktion.

Julian Assange: Wenn Whistleblower zur Bedrohung werden

Ein Motiv aus „Ära des Verrats“ wollte ich unbedingt weiterverfolgen: die Rolle von Whistleblowern, die geheime Informationen veröffentlichen und damit mächtige Institutionen unter Druck setzen.

Edward Snowden hatte im ersten Roman eine zentrale Bedeutung. Julian Assange und WikiLeaks gehörten ebenfalls zu diesem erzählerischen Zusammenhang. Die Plattform veröffentlichte geheime Dokumente und machte damit Informationen öffentlich, die Regierungen lieber unter Verschluss gehalten hätten.

Assange hielt sich ab 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London auf, um einer Auslieferung nach Schweden zu entgehen. Dort blieb er fast sieben Jahre. Im April 2019 wurde er von der britischen Polizei festgenommen, nachdem Ecuador ihm den diplomatischen Schutz entzogen hatte.

Auch die US-Geheimdienste beschäftigten sich mit Assange. Medienberichte beschrieben mutmaßliche Pläne der CIA, ihn aus der Botschaft zu entführen oder sogar zu töten. Die Berichte machten deutlich, wie weit die Auseinandersetzung um WikiLeaks hinter den Kulissen möglicherweise eskaliert war.

Für mich war Assange deshalb eine passende Verbindung zu „Ära des Verrats“. Er stand für die Frage, was geschieht, wenn jemand geheime Informationen veröffentlicht und dadurch die Interessen eines Staates gefährdet. Wird ein solcher Mensch als Aufklärer betrachtet oder als Gegner, der ausgeschaltet werden muss?

In „Operation Redhead“ wollte ich dieses Spannungsfeld weiterentwickeln. Whistleblower sind für mich keine bloßen Nebenfiguren. Sie können Machtstrukturen erschüttern, ganze Karrieren zerstören und Vorgänge offenlegen, die andere mit allen Mitteln geheim halten wollen.

Yunos Wong: Eine erfundene Figur mit einem realen Vorbild

Bei meiner Recherche zu Wirecard stieß ich auf einen Mann, dessen Geschichte mich besonders beeindruckte: Pav Gill. Der Jurist hatte als Leiter der Rechtsabteilung für die Asien-Pazifik-Region von Wirecard gearbeitet und war dabei auf Unregelmäßigkeiten gestoßen.

Gill meldete seine Bedenken innerhalb des Unternehmens. Als er den Eindruck gewann, dass seine Hinweise nicht angemessen verfolgt wurden, wandte er sich an Journalisten. Seine Informationen trugen wesentlich dazu bei, dass die mutmaßlichen Betrugsvorgänge öffentlich wurden. Die Recherchen der Financial Times und weiterer Medien spielten bei der Aufdeckung des Skandals eine zentrale Rolle.

Was mich an seiner Geschichte bewegte, war der persönliche Preis, den ein solcher Schritt haben kann. Wer sich gegen ein mächtiges Unternehmen stellt, riskiert seine berufliche Zukunft und muss mit erheblichem Druck rechnen. Ein Whistleblower weiß häufig nicht, welche Konsequenzen seine Entscheidung nach sich ziehen wird.

Aus dieser Inspiration entwickelte ich Yunos Wong. Die Figur ist erfunden, greift aber das Grundmotiv eines Menschen auf, der in einem Unternehmen auf Unregelmäßigkeiten stößt und sich entscheidet, die Wahrheit nicht länger für sich zu behalten.

Yunos Wong steht für den Mut, sich gegen ein System zu stellen, das seine eigenen Interessen über die Aufklärung möglicher Missstände stellt. Er weiß, dass Informationen gefährlich werden können. Trotzdem entscheidet er sich dafür, sie weiterzugeben.

Genau darin liegt für mich die besondere Spannung solcher Figuren: Sie besitzen keine Armee, keine diplomatische Immunität und keinen Geheimdienstapparat. Sie haben Informationen. Und manchmal reicht genau das, um mächtige Gegner nervös zu machen.

Wenn Realität und Fiktion aufeinanderprallen

Bei „Operation Redhead“ wollte ich keine bloße Nacherzählung des Wirecard-Skandals schreiben. Mich interessierte vielmehr, was geschehen könnte, wenn man die bekannten Ereignisse mit einer fiktiven Geheimdienstoperation verbindet.

Die realen Fälle lieferten den Hintergrund: der Zusammenbruch eines Finanzkonzerns, die ungeklärten Fragen um Jan Marsalek, die Giftanschläge mit möglichen GRU-Verbindungen und der Konflikt um Julian Assange. Daraus entwickelte ich eine Handlung, in der Corrigan und sein Team mit einem Netzwerk konfrontiert werden, dessen wirtschaftliche und politische Verbindungen weit über das hinausreichen, was zunächst sichtbar ist.

Die Cyber Cash Corporation, Stefan Hauptmann und Yunos Wong gehören zur fiktionalen Welt meines Romans. Sie sind keine Behauptung, dass die realen Personen oder Unternehmen tatsächlich an einer solchen Operation beteiligt gewesen seien. Ich verbinde reale historische Ereignisse mit erfundenen Figuren, um die Mechanismen hinter Macht, Geld und Geheimhaltung literarisch zu untersuchen.

Denn gerade darin liegt für mich der Reiz des Genres: Die Wirklichkeit liefert die Ausgangspunkte, der Roman führt sie in eine mögliche, aber erfundene Richtung weiter.

Corrigan kehrt zurück

Mit „Operation Redhead“ wollte ich auch die Entwicklung meines CIA-Agenten Corrigan vorantreiben. Er bewegt sich in einer Welt, in der Loyalität nicht selbstverständlich ist und in der selbst scheinbar eindeutige Fakten neue Fragen aufwerfen können.

Seine Gegner sind nicht einfach nur Kriminelle oder feindliche Agenten. Sie bewegen sich in Strukturen, in denen wirtschaftliche Interessen, politische Macht und geheimdienstliche Ziele miteinander verschmelzen. Wer eine Spur verfolgt, stößt auf weitere Spuren. Wer glaubt, einen Gegner erkannt zu haben, muss damit rechnen, dass jemand anderes die Fäden zieht.

Diese Unsicherheit wollte ich zum Kern des Romans machen. Corrigan muss Entscheidungen treffen, obwohl ihm entscheidende Informationen fehlen. Und er kann sich nicht darauf verlassen, dass seine Auftraggeber ihm die ganze Wahrheit sagen.

Für mich ist ein guter Spionage-Thriller dann besonders spannend, wenn die Gefahr nicht allein von bewaffneten Gegnern ausgeht, sondern auch von Informationen, die zur falschen Zeit in die falschen Hände geraten. Eine Überweisung kann eine Operation finanzieren. Eine Datei kann eine Regierung erschüttern. Und ein Whistleblower kann gefährlicher werden als ein bewaffneter Gegner.

Ära des Verrats

Wie aus einer politischen Krise ein Spionage-Thriller wurde: Die Entstehung von „Ära des Verrats“

Manchmal beginnt ein Roman mit einer Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Bei „Ära des Verrats“ war es die Frage, warum sich Russland und der Westen plötzlich wieder wie Gegner aus einem vergangenen Jahrhundert gegenüberstanden. Was 2014 auf der Krim geschah, wurde für mich zum Ausgangspunkt einer Recherche, die mich tief in die geopolitischen Machtkämpfe zwischen Moskau, Washington und Brüssel führte. Aus diesen Recherchen entstand mein Spionage-Thriller „Ära des Verrats“.

Der Moment, in dem sich die Welt veränderte

Lange Zeit hatte ich den Eindruck, dass Russland und der Westen trotz aller politischen Differenzen auf eine gemeinsame Zukunft zusteuerten. Der Kalte Krieg lag Jahrzehnte zurück, die Sowjetunion war Geschichte, und wirtschaftliche Beziehungen hatten Russland und Europa eng miteinander verbunden. Man stritt, verhandelte und kritisierte sich. Aber die Vorstellung, dass beide Seiten wieder in eine offene Konfrontation geraten könnten, schien für mich weit entfernt.

Dann kam das Jahr 2014.

Russische Truppen übernahmen die Kontrolle über die Krim, kurz darauf wurde die Halbinsel von Russland annektiert. Die westlichen Staaten reagierten mit Sanktionen, diplomatischem Druck und einer politischen Neuorientierung gegenüber Moskau. Was zunächst wie eine regionale Krise erschien, entwickelte sich zu einem tiefen Bruch zwischen Russland und dem Westen.

Ich fragte mich: Wie konnte es so weit kommen? Warum riskierten die politischen Führungen in Moskau, Washington und Europa eine Konfrontation, deren Folgen weit über die Ukraine hinausreichen würden? Und was war eigentlich vorher geschehen?

Ich wollte verstehen, was hinter den offiziellen Erklärungen lag. Welche Interessen verfolgten die Beteiligten? Welche Entscheidungen hatten die Eskalation vorbereitet? Und welche Rolle spielten jene Konflikte, die in der Öffentlichkeit oft nur am Rande wahrgenommen wurden?

Meine Suche führte mich zunächst nach Kyjiw, mitten hinein in die Maidan-Revolution.

Der Maidan: Drei Machtzentren und gegensätzliche Interessen

Im November 2013 lehnte der ukrainische Präsident Wiktor Janukowytsch die Unterzeichnung des bereits ausgehandelten Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union ab. Stattdessen näherte sich seine Regierung wieder Moskau an. Auf dem Maidan in Kyjiw gingen daraufhin Tausende Menschen auf die Straße. Was mit proeuropäischen Protesten begonnen hatte, entwickelte sich nach gewaltsamen Polizeieinsätzen und einer dramatischen Eskalation im Februar 2014 zu einer Revolution, die Janukowytschs Herrschaft beendete.

Mich faszinierte an diesen Ereignissen vor allem, dass die Ukraine längst mehr war als ein Land, das über seine wirtschaftliche und politische Zukunft entschied. Sie war zum Schauplatz eines geopolitischen Konflikts geworden, in dem drei Machtzentren unterschiedliche Vorstellungen von der europäischen Sicherheitsordnung verfolgten.

Die Europäische Union: Annäherung durch Handel und Reformen

Für die Europäische Union ging es zunächst um wirtschaftliche Verflechtung, politische Reformen und die Aussicht, die Ukraine enger an europäische Institutionen zu binden. Das Assoziierungsabkommen sollte Handel erleichtern, rechtliche Standards angleichen und die ukrainische Wirtschaft schrittweise stärker in den europäischen Binnenmarkt integrieren. Für viele Demonstranten auf dem Maidan stand Europa außerdem für Rechtsstaatlichkeit, weniger Korruption und eine Zukunft jenseits der oligarchisch geprägten Machtstrukturen des Landes. Allerdings war die EU keineswegs einheitlich. Ihre Mitgliedstaaten unterschieden sich darin, wie weit sie eine Annäherung der Ukraine treiben und welche Risiken sie gegenüber Russland eingehen wollten.

Die Vereinigten Staaten: Sicherheit und strategischer Einfluss

Die Vereinigten Staaten verfolgten ebenfalls das Ziel, die Ukraine politisch unabhängiger von Moskau zu machen und ihre Annäherung an den Westen zu unterstützen. Washington betrachtete die Entwicklung zudem durch die Brille der europäischen Sicherheitsordnung und des eigenen strategischen Einflusses. Ein souveräner, westlich orientierter ukrainischer Staat hätte Russlands Möglichkeiten eingeschränkt, seine Nachbarschaft politisch zu dominieren. Zugleich ging es den USA darum, demokratische Institutionen zu stärken und russischem Druck auf ehemalige Sowjetrepubliken entgegenzuwirken. Wie weit Washington dabei gehen sollte, war auch innerhalb der amerikanischen Politik umstritten.

Russland: Einflusszone und Großmachtanspruch

Für Wladimir Putin stand dagegen weit mehr auf dem Spiel als ein einzelnes Handelsabkommen. Der Kreml betrachtete die Ukraine als zentralen Bestandteil des russischen Einflussraums, historisch, wirtschaftlich, militärisch und kulturell. Eine Ukraine, die sich dauerhaft an die EU orientierte und möglicherweise eines Tages eine engere Zusammenarbeit mit der NATO anstrebte, hätte Moskaus strategische Position erheblich geschwächt. Die Schwarzmeerflotte in Sewastopol, die Kontrolle über wichtige Verkehrs- und Handelswege sowie Russlands Anspruch, als Großmacht die Sicherheitsordnung seiner Nachbarschaft mitzugestalten, machten die Ukraine für Putin zu einem Schlüsselstaat.

Aus Sicht des Kremls drohte der Westen, seinen Einfluss immer weiter nach Osten auszudehnen. Die russische Führung deutete die Maidan-Revolution deshalb als Gefahr für die eigene Machtstellung und als möglichen Beleg dafür, dass westliche Staaten einen politischen Umbruch in Moskaus unmittelbarer Nachbarschaft unterstützten. Diese Interpretation gehörte zu den zentralen Rechtfertigungen der russischen Politik. Sie änderte jedoch nichts daran, dass die ukrainische Bevölkerung eigene politische Ziele verfolgte und Russland mit der Annexion der Krim das Völkerrecht verletzte.

Drei Akteure, drei strategische Perspektiven. Und eine Ukraine, deren Zukunft zwischen diesen Interessen zum entscheidenden Streitpunkt wurde.

Mich ließ die Erkenntnis nicht los, dass der Konflikt weit vor der Annexion der Krim begonnen hatte. Es ging um Einflusszonen, Sicherheitsinteressen und die Frage, wer die politische Zukunft Osteuropas bestimmen durfte. Die Ereignisse auf dem Maidan waren für mich deshalb der Schlüssel, um die neue Konfrontation zwischen Russland und dem Westen besser zu verstehen.

Doch während ich weiter recherchierte, stieß ich auf eine zweite Geschichte, die mich mindestens ebenso faszinierte.

Edward Snowden und das Geheimnis hinter den Kulissen

Im Juni 2013 hatte Edward Snowden, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA und früherer Auftragnehmer, geheime Dokumente über die weltweiten Überwachungsprogramme amerikanischer Geheimdienste an Journalisten weitergegeben. Die Unterlagen enthüllten das Ausmaß staatlicher Überwachung und lösten eine internationale Debatte über Privatsphäre, Sicherheit und die Macht der Geheimdienste aus.

Snowden floh zunächst nach Hongkong. Dort traf er unter anderem den Journalisten Glenn Greenwald, der für die britische Zeitung „The Guardian“ über die Enthüllungen berichtete. Die Veröffentlichungen beschädigten das internationale Ansehen der Vereinigten Staaten und belasteten ihre Beziehungen zu Verbündeten, die selbst von amerikanischer Überwachung betroffen waren.

Dann nahm die Geschichte eine Wendung, die sie endgültig zu einem geopolitischen Krimi machte.

Snowden reiste nach Moskau. Nachdem die Vereinigten Staaten seinen Pass für ungültig erklärt hatten, saß er zunächst im Transitbereich des Flughafens fest. Später erhielt er in Russland Asyl und schließlich eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. 2022 wurde ihm die russische Staatsbürgerschaft verliehen.

Für mich war dieser Vorgang ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein einzelner Mensch zum Spielball internationaler Machtpolitik werden konnte. Snowden hatte Informationen veröffentlicht, die Washington als schwerwiegenden Verrat betrachtete. Moskau wiederum bot ihm Schutz und konnte sich zugleich als Gegner amerikanischer Überwachung präsentieren. Die russische Führung hatte damit die Möglichkeit, die USA diplomatisch unter Druck zu setzen und ihre eigenen Interessen in einem Konflikt zu verfolgen, der weit über die Person Snowdens hinausging.

Dabei muss man unterscheiden: Die Snowden-Enthüllungen und der Streit um seine Auslieferung waren nicht der alleinige Auslöser der amerikanisch-russischen Konfrontation. Die Spannungen hatten tiefere Wurzeln und verschärften sich 2014 vor allem durch die Ukraine-Krise. Doch Snowden verkörperte für mich eine weitere Ebene dieses Konflikts: den Kampf um Geheimnisse, Informationen und die Kontrolle über die Wahrheit.

Was geschieht, wenn ein Geheimdienstmitarbeiter plötzlich Zugang zu Informationen besitzt, die ganze Regierungen in Bedrängnis bringen können? Was passiert, wenn ein politischer Gegner diesen Menschen schützt, nicht aus humanitären Gründen allein, sondern weil sich daraus ein strategischer Vorteil gewinnen lässt? Und wie weit würden Staaten gehen, um zu verhindern, dass ihre Geheimnisse ans Licht kommen?

Das waren Fragen, aus denen sich ein Spionage-Thriller entwickeln ließ.

Aus der Recherche wurde „Ära des Verrats“

Je tiefer ich in die Ereignisse eintauchte, desto deutlicher wurde mir, wie eng politische Konflikte, Geheimdienstoperationen und persönliche Schicksale miteinander verwoben sein können. Hinter den Schlagzeilen über Sanktionen, diplomatische Krisen und internationale Empörung entdeckte ich eine Welt, in der Informationen zur Waffe werden und Vertrauen jederzeit in Verrat umschlagen kann.

Genau daraus entstand die Idee zu „Ära des Verrats“.

Ich wollte einen Roman schreiben, der die Atmosphäre dieser Jahre einfängt: die Unsicherheit nach Snowdens Enthüllungen, die zunehmende Konfrontation zwischen Russland und dem Westen und die undurchsichtigen Interessen jener Dienste, die im Hintergrund ihre eigenen Kämpfe führen. Mich reizte die Vorstellung, dass mehrere Geheimdienste gleichzeitig hinter denselben Informationen her sein könnten, dabei aber völlig unterschiedliche Ziele verfolgen. Niemand besitzt das vollständige Bild. Jeder kennt nur einen Teil der Wahrheit. Und jeder muss entscheiden, wem er noch trauen kann.

Im Zentrum des Romans steht die Jagd auf Edward Snowden im Hongkong des Jahres 2013. Der CIA-Agent Corrigan verfolgt den Mann, der geheime Dokumente an Journalisten weitergegeben hat. Doch Corrigan ist nicht der Einzige, der Snowden finden will. Russische Dienste und chinesische Triaden verfolgen eigene Interessen. Was zunächst wie eine geheimdienstliche Fahndung erscheint, entwickelt sich zu einem gefährlichen Spiel, in dem politische Macht, persönliche Loyalität und wirtschaftliche Interessen aufeinanderprallen.

Mich interessierte dabei besonders die Frage, wie weit ein Staat gehen darf, wenn er seine Geheimnisse bedroht sieht. Und was geschieht mit einem Agenten, der im Auftrag seiner Regierung handelt, aber irgendwann erkennt, dass die Wahrheit komplizierter ist als die offiziellen Befehle?

Corrigan ist kein strahlender Held, der jederzeit weiß, was richtig und falsch ist. Er bewegt sich in einer Welt, in der moralische Gewissheiten selten sind und jede Entscheidung einen Preis haben kann. Gerade diese Grauzonen machen für mich den Reiz eines realistischen Spionage-Thrillers aus.

Die Handlung verbindet reale politische Ereignisse mit einer fiktiven Geschichte. Dabei ging es mir nie darum, die Wirklichkeit einfach nachzuerzählen. Ich wollte vielmehr zeigen, wie sich historische Entwicklungen aus der Perspektive jener Menschen anfühlen könnten, die mitten in den Machtkämpfen stehen und oft erst im Nachhinein begreifen, welche Rolle sie tatsächlich gespielt haben.

Der Anfang einer größeren Geschichte

Rückblickend war „Ära des Verrats“ für mich mehr als ein Roman über Edward Snowden. Das Buch markiert den Beginn einer literarischen Auseinandersetzung mit einer Welt, in der die Grenzen zwischen Krieg und Frieden, Wahrheit und Desinformation, Verbündeten und Gegnern zunehmend verschwimmen.

Die Ereignisse von 2013 und 2014 haben meine Vorstellung davon geprägt, wie moderne Geheimdienstkonflikte funktionieren. Sie haben mir gezeigt, dass politische Umbrüche selten isoliert betrachtet werden können und dass hinter öffentlich ausgetragenen Krisen häufig ein Geflecht aus strategischen Interessen liegt, das sich nur schwer durchschauen lässt.

Diese Welt wollte ich literarisch erfassen. Nicht als trockene Analyse internationaler Beziehungen, sondern als spannenden Thriller, in dem reale Ereignisse auf fiktive Figuren treffen und aus politischen Entscheidungen ganz konkrete Gefahren entstehen.

Und die Geschichte war für mich damit noch lange nicht vorbei. Die Frage, wie weit Geheimdienste gehen würden, um ihre Gegner auszuschalten und ihre Macht zu sichern, beschäftigte mich weiter. Aus dieser Auseinandersetzung entwickelte sich später „Operation Redhead“, ein weiterer Spionage-Thriller, der die dunklen Verbindungen zwischen Geheimdiensten, Finanzströmen und geopolitischen Machtkämpfen aufgreift.

Aber alles begann mit einer Frage, die mich 2014 nicht mehr losließ: Was war aus der Hoffnung auf eine gemeinsame europäische Friedensordnung geworden, wenn Russland und der Westen einander plötzlich wieder als strategische Gegner betrachteten?

Die Antwort führte mich nach Kyjiw, nach Hongkong und schließlich mitten hinein in die Welt der Geheimdienste.

Dort begann „Ära des Verrats“.

Die Freiheit in uns

Die Freiheit in uns: Wie eine Recherche zu „Ära des Verrats“ zu meinem Maidan-Roman führte

Manchmal beginnt ein Roman nicht mit einer fertigen Idee, sondern mit einer Entdeckung, die einen nicht mehr loslässt. Bei „Die Freiheit in uns“ war es ein Mensch, den ich zunächst nur aus Videos kannte. Ein Musiker und Schauspieler, der auf dem Maidan in Kiew auftrat, vor Tausenden Menschen sprach und für die Freiheit seines Landes einstand. Was als Recherche für einen Spionagethriller begann, entwickelte sich zu einer ganz eigenen Geschichte. Einer Geschichte über Mut, Überzeugung und Menschen, die sich weigern, ihre Zukunft anderen zu überlassen.

Eine Entdeckung während der Arbeit an „Ära des Verrats“

Die Idee zu „Die Freiheit in uns“ entstand während der Arbeit an meinem Spionagethriller „Ära des Verrats“. Ein Teil der Handlung führt nach Kiew, mitten hinein in die Maidan-Revolution von 2013. Bei meinen Recherchen beschäftigte ich mich intensiv mit den Ereignissen auf dem Unabhängigkeitsplatz. Das Besondere daran: Die Proteste waren hervorragend dokumentiert. Auf YouTube fanden sich unzählige Aufnahmen, die Menschen damals selbst gedreht hatten. Keine nachträglich inszenierten Szenen, keine Schauspieler vor Kulissen. Sondern Menschen, die mitten in einem historischen Umbruch standen.

Ich sah Reden, Musikauftritte und Bilder von einer Menschenmenge, die trotz Kälte und wachsender Gefahr immer wieder auf den Platz zurückkehrte. Zwischen den Aufnahmen entdeckte ich zwei Personen, die mich besonders faszinierten: Rostyslav Bome und Ruslana, die ukrainische Sängerin, die 2004 den Eurovision Song Contest gewonnen hatte.

Ruslana war während der Proteste weit mehr als ein prominentes Gesicht. Sie trat auf dem Maidan auf, sang mit den Demonstrierenden und versuchte, den Menschen auch in angespannten Nächten Mut zu machen. Ihre Stimme wurde zu einem der akustischen Symbole der Bewegung. Dass eine international bekannte Künstlerin ihre Karriere zurückstellte, um sich so entschieden an die Seite der Protestierenden zu stellen, beeindruckte mich.

Rostyslav Bome: Der Mann hinter der Musik

Noch größer war meine Überraschung, als ich mich näher mit Rostyslav Bome beschäftigte. Unter dem Künstlernamen Artisto hatte er die inoffizielle Hymne der Revolution geschrieben. Auf den Aufnahmen sah ich ihn immer wieder auf dem Maidan: als Sänger, als Redner und als jemand, der versuchte, die Menschen mit seiner Musik und seinen Worten zu erreichen.

Dann fand ich heraus, dass Bome ein ukrainisch-deutscher Schauspieler war, der in Köln lebte. Plötzlich war dieser Mann, den ich bis dahin nur aus Aufnahmen einer Revolution kannte, keine weit entfernte Figur der Zeitgeschichte mehr. Er lebte in Deutschland. Seine Geschichte war greifbar. Und er hatte die Ereignisse, über die ich schrieb, selbst erlebt.

Ich begann, ein Kapitel über Rostyslav und seine ersten Tage auf dem Maidan zu schreiben. Dabei ging es mir nicht nur darum, einen bekannten Namen in die Handlung einzubauen. Ich wollte verstehen, wie sich diese Tage für jemanden angefühlt hatten, der nicht aus sicherer Entfernung zusah, sondern selbst auf dem Platz stand. Was brachte ihn dazu, dort aufzutreten? Was hatte er erlebt? Und was bedeutete es für ihn, Teil einer Bewegung zu sein, deren Ausgang niemand vorhersehen konnte?

Ein Probekapitel und ein schwieriger Anfang

Ich wollte Rostyslavs Geschichte nicht einfach aus öffentlich zugänglichen Quellen zusammensetzen. Ich wollte mit ihm sprechen. Also versuchte ich, Kontakt zu ihm aufzunehmen, und schickte ihm das Kapitel, das ich über ihn geschrieben hatte.

Seine erste Reaktion war allerdings zurückhaltend. Er lehnte zunächst ab und konnte nicht so recht nachvollziehen, was ich mit dem Buch bezweckte. Das konnte ich verstehen. Ein Fremder schreibt über einen Menschen und möchte dessen Erlebnisse in einem Roman verwenden. Da sind Fragen und Zweifel nur verständlich.

Ich ließ das Thema trotzdem nicht los. Zunächst konzentrierte ich mich darauf, „Ära des Verrats“ zu Ende zu schreiben. Gleichzeitig wollte ich Rostyslav deutlich machen, dass ich den Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer für Freiheit und Selbstbestimmung unterstützte. Mir ging es nicht darum, die Revolution als bloße Kulisse für eine spannende Spionagegeschichte zu benutzen. Ich wollte den Menschen und ihren Erfahrungen gerecht werden.

Schließlich gelang es mir, Rostyslav davon zu überzeugen, dass ich seine Geschichte und seine Rolle auf dem Maidan so erzählen wollte, wie er sie selbst erlebt hatte. Er ließ sich auf das Projekt ein. Wir vereinbarten mehrere Gesprächsrunden.

Ein Zeitzeuge erzählt seine Geschichte

Für mich war das ein Traum jedes Historikers. Ich konnte einen Menschen interviewen, der die Maidan-Revolution nicht nur beobachtet, sondern aktiv mitgestaltet hatte. Ich konnte Fragen stellen, Zusammenhänge besser verstehen und Erfahrungen kennenlernen, die sich aus Nachrichtenmeldungen und Videoaufnahmen allein nicht erschließen.

Aus einer Recherche war eine Begegnung geworden. Und aus der Begegnung entstand die Möglichkeit, einen Teil dieser historischen Ereignisse aus der Perspektive eines Beteiligten zu erzählen. Rostyslavs Erlebnisse wurden zu einem wichtigen Ausgangspunkt für meinen Roman.

Gerade bei historischen Stoffen ist mir dieser persönliche Zugang wichtig. Große politische Umbrüche bestehen nicht nur aus Entscheidungen von Präsidenten, Erklärungen von Regierungen oder strategischen Interessen internationaler Mächte. Sie bestehen auch aus einzelnen Menschen, die morgens nicht wissen, was der Tag bringen wird, die Angst haben, hoffen, streiten, lieben und trotzdem weitermachen.

Mich interessierte die Frage, was Menschen dazu bringt, ihre Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Was geschieht, wenn die eigene Überzeugung stärker wird als die Angst? Und was bleibt von einer Revolution, wenn man sie nicht nur durch die Augen der Mächtigen betrachtet, sondern durch die Augen der Menschen, die sie auf der Straße erleben?

Eine Revolution, zwei Geschichten

Während ich an „Die Freiheit in uns“ arbeitete, wurde mir zunehmend klar, dass ich etwas anderes erzählen wollte als in „Ära des Verrats“. Der Spionagethriller führte zwar ebenfalls nach Kiew und berührte die politischen Interessen, die auf die Ukraine einwirkten. Aber ich wollte den Beginn der Revolution und ihre ersten Tage in den Mittelpunkt stellen, ohne diese Geschichte durch die Handlung eines Spionageromans erzählen zu müssen.

Dafür brauchte ich eine neue Perspektive. Ich erfand eine Gruppe von Studierenden, die die ersten Tage auf dem Maidan erlebt. Durch ihre Augen konnte ich zeigen, wie sich die Ereignisse für junge Menschen anfühlten, die plötzlich vor Entscheidungen standen, auf die sie niemand vorbereitet hatte. Was zunächst wie eine politische Demonstration begann, entwickelte sich zu einer Bewegung, die ihr Leben und die Zukunft ihres Landes verändern sollte.

Nach und nach erweiterte ich das Figurenensemble, sodass beide Geschichten miteinander verbunden werden konnten. Rostyslavs Erlebnisse, meine Recherchen und die fiktiven Figuren ergänzten sich. Aus dem Material, das ursprünglich für einen Spionagethriller gedacht war, entstand ein eigenständiger historischer Roman: „Die Freiheit in uns – Die ersten Tage“.

Der Anfang einer viel größeren Geschichte

„Die Freiheit in uns“ erzählt von den ersten Tagen der Maidan-Revolution im November 2013. Doch für mich steckt in diesem Stoff noch viel mehr. Die Geschichte des Maidan ist voller schrecklicher, bewegender und großartiger Momente. Es geht um Gewalt und Hoffnung, um politische Interessen und persönliche Überzeugungen, um Menschen, die über sich hinauswachsen, und um andere, die an den Ereignissen zerbrechen.

Mein Wunsch ist es, eines Tages die gesamte Maidan-Revolution literarisch zu erzählen. Nicht nur ihre großen Wendepunkte, sondern auch die vielen einzelnen Geschichten, die in den Schlagzeilen oft keinen Platz finden. Die Menschen, die auf dem Platz standen. Diejenigen, die sie unterstützten. Diejenigen, die Angst hatten. Und diejenigen, die trotz aller Gefahren nicht aufgaben.

Vielleicht schreibe ich diese Geschichte eines Tages weiter. Vielleicht gemeinsam mit Rostyslav. Der Gedanke daran gefällt mir. Denn genau so hat alles angefangen: mit einer Recherche, einem Video, einem Kapitel und der Begegnung mit einem Menschen, der mir seine Geschichte anvertraut hat.

Manchmal führt eine Geschichte, die man erzählen möchte, zu einer anderen, die erzählt werden muss.

Alle Trailer

1. Kapitel zu Ära des Verrats
Einige Fakten zu Ära des Verrats
Lesung aus Operation Redhead in Salisburry Teil 1
Lesung aus Operation Redhead in Salisburry Teil 2