Schauplatz Botschaft
Ein Ort, an dem Diplomatie und Überwachung nebeneinander wohnen.

Eine Botschaft ist ein Widerspruch aus Stein: Sie soll Gastfreundschaft zeigen und zugleich verschlossen sein. Hinter der Fassade finden Empfänge, Visaanträge und Verhandlungen statt. Genauso gehören aber auch Kameras, Sicherheitsschleusen und, in manchen Fällen, Abhörtechnik zum Haus. Kein Wunder, dass Botschaften in Spionagethrillern so oft zum Schauplatz werden.
Das Haus, das niemand betreten darf
Die rechtliche Grundlage ist das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961. Es erklärt die Räumlichkeiten einer Mission für unverletzlich: Die Behörden des Gastlandes dürfen sie nicht ohne Zustimmung des Botschafters betreten (Art. 22). Auch die Post ist geschützt, das diplomatische Kuriergepäck darf weder geöffnet noch zurückgehalten werden (Art. 27), und Diplomaten genießen persönliche Unverletzlichkeit (Art. 29). Zugleich verpflichtet das Abkommen die Diplomaten, sich nicht in innere Angelegenheiten des Gastlandes einzumischen (Art. 41).
Der Preis für diese Privilegien ist eine Art Waffenstillstand. Fällt ein Diplomat durch unerlaubte Tätigkeit auf, kann das Gastland ihn zur unerwünschten Person erklären, zur „Persona non grata“ (Art. 9). Er muss dann ausreisen. Verhaftet wird er in der Regel nicht.
Warum Spione so gern Diplomaten sind
Diplomatischer Status ist die klassische Tarnung („Legale“): Der Nachrichtendienstler arbeitet offiziell als Kulturattaché oder Handelsrat, genießt Immunität und darf offen Kontakte pflegen. Im schlimmsten Fall wird er ausgewiesen, im besten Fall bleibt er unentdeckt. Genau deshalb beobachten Gegenspionagedienste Botschaften besonders genau.


Wenn die Wände mithören
Der berühmteste Fall ist die „Great Seal Bug“. 1945 schenkten sowjetische Pioniere dem US-Botschafter in Moskau ein geschnitztes Wappen der USA. Es hing jahrelang in dessen Arbeitszimmer, bis die Amerikaner 1952 entdeckten, dass darin ein passives Abhörgerät steckte. Es hatte keine Batterie und wurde nur durch ein von außen eingestrahltes Funksignal aktiviert. Erfunden hatte das Prinzip Leon Theremin, der auch das nach ihm benannte Instrument entwickelte.
Auch später blieb die Moskauer Botschaft ein Brennpunkt. Von 1953 bis 1976 bestrahlten Mikrowellen das Gebäude, was als „Moscow Signal“ bekannt wurde. Mitte der 1980er-Jahre erschütterte ein Skandal um Marine-Wachen die Botschaft: Der Marine Clayton Lonetree wurde wegen Spionagekontakten zum KGB verurteilt.
Auch Verbündete bleiben nicht verschont. 2013 berichteten der „Spiegel“ und andere Medien, gestützt auf Unterlagen von Edward Snowden, über eine gemeinsame Abhörstelle von NSA und CIA in der US-Botschaft am Pariser Platz in Berlin. Sie soll das Regierungsviertel erfasst haben, darunter Telefonate der Bundeskanzlerin. Washington äußerte sich zu Einzelheiten nicht, das Wort „Freundschaft“ bekam in der Diplomatie einen neuen Beigeschmack.
Zuflucht und Dauerbeobachtung: die Botschaft Ecuadors
Eine Botschaft kann auch zum Zufluchtsort werden. Am 19. Juni 2012 betrat Julian Assange die Botschaft Ecuadors in London und blieb dort bis zum 11. April 2019. Ecuador hatte ihm Asyl gewährt, die britische Polizei wartete draußen. Es folgten sieben Jahre mit Kameras, Polizeiposten und unzähligen Berichten über Überwachung auch im Inneren. Ein spanisches Sicherheitsunternehmen, das für die Botschaft arbeitete, geriet später ins Visier der spanischen Justiz, weil es Besucher und Gespräche überwacht haben soll. Für Thriller-Autoren ist das ein Geschenk: ein Gebäude als Bühne, eine Person als Faustpfand und rund um die Uhr Zuschauer.

Wenn die Immunität an Grenzen stößt
Die Regeln gelten nicht immer. Im November 1979 stürmten Demonstranten die US-Botschaft in Teheran und hielten Mitarbeiter 444 Tage fest. 1984 wurde in London die Polizistin Yvonne Fletcher vor der libyschen Vertretung erschossen, was zum Abbruch der Beziehungen führte. Im selben Jahr wurde der entführte nigerianische Politiker Umaru Dikko in einer Kiste am Flughafen Stansted gefunden, die als Diplomatengepäck deklariert war. Die Behörden öffneten sie, weil es sich nach ihrer Auffassung nicht um ordnungsgemäßes Diplomatengepäck handelte.
Und wie sehr Botschaften ein Barometer politischer Spannungen sind, zeigte sich nach dem Giftanschlag von Salisbury 2018: Mehr als zwei Dutzend Staaten wiesen gemeinsam weit über hundert russische Diplomaten aus. Sie galten als Geheimdienstmitarbeiter, die unter diplomatischer Tarnung arbeiteten.
Warum mich der Ort nicht loslässt
Eine Botschaft ist ein Stück fremdes Land mitten in einer Stadt, geschützt durch Regeln, die auf Vertrauen beruhen. Genau da, wo Vertrauen und Misstrauen so dicht beieinanderliegen, entstehen die besten Geschichten. In „Operation Redhead“ spielt eine Botschaft deshalb eine zentrale Rolle.
Quellen und weiterführend:
- Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen (1961), Art. 9, 22, 27, 29 und 41.
- U.S. Department of State, Office of the Historian: „Great Seal Bug“ und Berichte zur Botschaft in Moskau.
- Der Spiegel (2013): Berichte zur Abhörstelle in der US-Botschaft Berlin.
- Presseberichte zu Julian Assange und der Botschaft Ecuadors in London (2012 bis 2019).